ans hören: Aimsir


©2015: Adam Mc. Cartney, Sabine Maier, elffriede.aufzeichnensysteme, Doris Segula

Die Reduktion des Sichtbaren gibt dem Hörbaren Raum. Stimmen sprechen ihren Körper als Resonanzkörper des Stimmlichen und sprechen Texte über das Fühlen, das Hören, die Sinne…

Im Sinne des Musiktheaters experimentieren wir mit unterschiedlichen Inszenierungsformen (raumdefinierende Projektionsstationen, Literatur, Musik, Performance), die unverbunden -assoziativ nebeneinander stehen und dennoch ein Ganzes bilden. Zwei Textformen, zwei Stimmen sprechen durch die Zeit als Repräsentationen der Naturgewalten und des menschlich-kreatürlichen.

Aimsir stammt aus dem Gälischen und bedeutet „Wetter“ aber auch „Zeitform“, gleichermaßen Vergangenheit (Perfekt), Gegenwart (Präsens), Zukunft (Futur).

die Bäume rauschen
das ist das Meer
(schwenken eines mit salz befüllten Briefkuverts)

die Luft allein
ein Sturm mit schwarzem Regen
und dann irgendwo Licht

zeichenhaft bewegen Menschen Kiefer
ab und an vertont

der abgearbeitete Widerspruch,
bleibt sitzen irgendwo.
Alt leck und ruhig
ein übrig gebliebenes Auge.
Kein regen.

bis wohin rollt der ton?
bis in die spitzen
sammelt sich dort
summt

dieses mal verständlicherweise
keine Ahnung.
nach oder zumindest vor der Achtlosigkeit
völlig umsonst wahrscheinlich sitzengelassen.
Wind nimmt zu.

manchmal plätschert wasser so reizvoll
dass der wunsch nahe liegt
ganz nah
ganz ohr

Das Projekt Aimsir besteht aus zwei Teilen: Der Partitur und ihrer intermedialen, installativen Umsetzung / Inszenierung.

Ausgangsmaterialien für die intermediale Inszenierung Aimsir, sind saisonal bedingte, von uns transkribierte Wetterdaten, die in einer Partitur umgesetzt wurden: Sie dienen als grafische Notationen und als poetische Vorlage für die Zeitstruktur der Partitur, sowie als Textbasis für das Libretto. Geometrische Formen, im Raum arrangiert, dienen als Projektionsflächen, die im Dialog mit Zeichnung und Texten eine poetische Mehrdimensionalität erzeugen.

Wir löschen nicht zugunsten des Hörbaren das Licht, denn das wäre zu einfach. Wir inszenieren das Hörbare behutsam mittels alter Dia-Projektoren, die nicht als „Bilderdiener“ gebraucht, sondern in ihrer jeweils eigenen, typbedingten Lichtsprache von uns inszeniert werden, entwerfen wir visuelle Dramaturgien, die das stück, die reduzierten handlung, stimmen und sprache „tragen“. Zeichnerische Abstraktionen aus brüchiger Tuschestruktur auf Glasplatten über einem Overheadprojektor sprechen eine zusätzliche, reduziert-visuelle Sprache, die dem Hörbaren, den Stimmen einen Raum geben und zwei menschlichen Figuren, denen die Stimmen jedoch nicht eindeutig zugeordnet werden, die Figuren bleiben.

am Boden befestigt
gerade lang genug
um etwas Ruhe
vorzutäuschen.

Aimsir ist wechselhaft und nicht beständig, plötzlich kommen Wolken auf und das ganze Bild verändert sich. Wir formen das Wechselhafte, Unbeständige, Unbestimmbare des Wetters, lassen Bewegung, Sprache, Klang, Ton, Licht und ebenso ihr Gegenteil, das Schweigen, die Leere, Stille und Dunkelheit als Protagonisten auftreten… kaum merklich verändert sich die Szene, wechselt die Stimmung… jeglicher Kontrolle entzieht sich der immerwährende Prozess, dem unser Dasein unterworfen ist: Eine aus dem Fokus gerückte Menschheit, die fast beiläufig existiert, in ihrer selbsterdichteten Wissenschaftsgeschichte, flüchtig und ohne Bestand…

2 Stimmen / zweistimmig

Inszeniert wird die Sprache zweier Stimmen, die Zwiesprache halten

Der literarische Text folgt prinzipiell einer eigenen, von visueller Inszenierung und musikalischer Komposition unabhängigen Dramaturgie und Inszenierung von Wetter / Temperatur. Seine Umsetzung, der sprachliche Vortrag, Bild und Musik stehen in einem nicht narrativen Verhältnis zueinander:

Kontrastiv zu der monoton sprechenden Wetterdaten Erzähler Stimme werden bruchstückartige, dann wieder fließende Wendungen, Wortverfremdungen und kurze Prosastücke gesetzt, die sich fast wie ein Dialog mit dem Wetter als Stimme und Stimmung ausnehmen.
Im Zentrum steht die Elastizität von stimmlicher Präsenz, die die Dichtung spricht. Nach Innen gerichtet, verhüllt und schützt eine Art Begriffsstutzigkeit den Verstand und die glasklare Sicht. Erlöst den analysierenden Gesichtssinn, (das Kontrollauge) durch eine Art Milchglasigkeit der Sicht. Erzählperspektive und Zeitlichkeit sind unbestimmt, unbeständig – changierend zwischen menschlicher Befindlichkeit, tierischem Instinkt, dinglicher Präsenz und einem angedichteten Eigenleben, sowie einer universalen Stimmung, die alles: Natur, Mensch, Tier in sich vereint.
Ein weiteres Thema sind das Flüssige und das Feste als, je nach Wetterlage, Form- oder Formlosigkeit, die sowohl inhaltlich als auch formal, z.B. aus einem zunehmenden „Formverlust“ des Textes spricht.

Die Welt als Ganzes ist bis in den kleinsten Winkel erforscht, abgegrast, ihre Gesetze aber undurchschaubar und dunkel: weil nie die richtigen Fragen gestellt wurden, haben sich die entscheidenden Geheimnisse bislang nicht enthüllt. Der aufgeklärte Geist wird also nach wie vor beherrscht vom Mittelalter und kann sich in diesem paradoxen Zustand nur dichtend über seine Situation erheben: schwebend sich selbst in Frage stellen. Denn unhinterfragt, aber sehr wohl bemerkt, beherrschen höhere Gesetzmässigkeiten das Lebendige.

Das ungerichtete Suchen (Appetenzverhalten), der fehlende oder verweigerte Fokus des zwischen Konzentration und Auflösung umherstreunden, sich in Sprache ergehenden, aufgreifenden und wieder fortwerfenden des elffriedischen Textkosmos’ kann sich an einem Thema (Wetter / Temperatur) abarbeiten, dem es sich verwandt fühlt.

Die Ur-Aufführung von Aimsir fand statt am: 19. + 21. März, 20h, (ca. 50 Min.), Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz

Credits:
Idee: Adam Mc. Cartney & Sabine Maier
Komposition: Adam Mc. Cartney
Zeichnungen + Texte + Stimmen: elffriede.aufzeichnensysteme
Inszenierung / Choreographie / Bühnenbild: Sabine Maier & elfffriede.aufzeichnensysteme
Harmonium: Adam Mc. Cartney
Geige: Doris Segula
Dauer: ca. 50 Min.